Bruno Latour, Nikolaj Schultz: Zur Entstehung einer ökologischen Klasse.

 Das Manifest »Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum« (Mémo sur la nouvelle classe écologique) wurde von dem dänischen Soziologen Nikolaj Schultz gemeinsam mit dem renommierten französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour verfasst. Es erschien 2022 im Suhrkamp Verlag und stellt eine politische Handlungsanleitung sowie eine theoretische Neuausrichtung für die Umweltbewegung dar.

Hauptthesen & Inhalt des Buchs

Die zentrale These des Werks lautet: Die ökologische Bewegung muss zu einer kohärenten politischen „Klasse“ zusammenwachsen und eine eigene Hegemonie anstreben, um die Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens neu zu gestalten.

           Traditioneller Sozialismus               Neuer ökologischer Ansatz
      ┌─────────────────────────────────┐      ┌─────────────────────────────────┐
      │  Fokus: Produktionsverhältnisse  │      │  Fokus: Erhalt der Bewohnbarkeit│
      │  Ziel: Gerechte Verteilung     │  ──> │  Ziel: Schutz biologischer /    │
      │        des Produkts             │      │        materieller Grundlagen   │
      └─────────────────────────────────┘      └─────────────────────────────────┘

1. Das Scheitern bisheriger Ökopolitik

  • Fehlender strategischer Kompass: Die Autoren argumentieren, dass Umweltbewegungen bisher oft zersplittert, lehrerhaft („pädagogisch“) oder rein defensiv agiert haben. Sie stützten sich darauf, Katastrophenszenarien aufzuzeigen, schafften es jedoch nicht, ein mitreißendes, gesellschaftsveränderndes Zukunftsprojekt zu formulieren.

  • Krise des Parteiensystems: Da traditionelle Parteien (ob rechts oder links) weiterhin auf stetiges Wirtschaftswachstum und Konsum fixiert sind, fehle der Mehrheit der Bevölkerung ein klarer politischer Orientierungspunkt für die Klimakrise.

2. Neudefinition des Klassenbegriffs

  • Abkehr vom klassischen Marxismus: Marx definierte Klassen über die Stellung im Produktionsprozess (Arbeit vs. Kapital). Latour und Schultz erweitern diesen Materialismus: Nicht mehr die bloße Ökonomie und Produktion stehen im Mittelpunkt, sondern die materiellen Lebensgrundlagen und die Bewohnbarkeit der Erde.

  • Einteilung der Frontlinien: Die „ökologische Klasse“ definiert sich über ihr Handeln für den Erhalt von Biosphäre, Territorien und Ökosystemen. Ihre Gegner sind diejenigen Akteure, Bewegungen und Industrien, die auf einer kontinuierlichen Extraktion und Ausbeutung von Ressourcen verharren.

3. Was ist die „ökologische Klasse“?

  • Sie umfasst all jene Bürger, Initiativen und Akteure, die erkennen, dass gesellschaftliches Wohlergehen nicht von unbegrenztem Wachstum abhängt, sondern vom Erhalt eines bewohnbaren Planeten.

  • Die Klasse existiert bisher vor allem in Keimformen. Um politisch wirksam zu werden, muss sie sich – analog zu früheren historischen Umbrüchen (wie dem Aufstieg des Bürgertums oder der Arbeiterbewegung) – ihrer gemeinsamen Interessen bewusst werden und ein kohärentes Programm entwickeln.

4. Weg zur politischen Hegemonie

  • Kultur- und Ideenkampf: Die Transformation erfordert einen tiefgreifenden Wandel im Denken, in der Kultur und in den Werten.

  • Politische Allianzbildung: Ökologie darf kein Nischenthema oder reines Spezialressort sein, sondern muss zum ordnenden Rahmen für alle anderen Politikfelder (Wirtschaft, Soziales, Kultur) werden.

Fazit & Bedeutung

Das Buch gilt als eine Art Vermächtnis von Bruno Latour (der kurz vor dem Erscheinen verstarb) und fasst seine späten Arbeiten zur Politischen Ökologie prägnant zusammen. Gemeinsam mit Nikolaj Schultz liefert er eine theoretische Grundlage für die Debatte, wie sich die globale Klimabewegung von einer mahnenden Protestbewegung zu einer gestaltenden Führungskraft entwickeln kann.

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