Gibt es Projekte, die für einen Teilbereich Prinzipien der Postwachtumsökonomie angewendet haben?
Zwar existiert bisher keine komplette Volkswirtschaft, die rein nach Prinzipien der Postwachstumsökonomie funktioniert, aber in zahlreichen Teilbereichen verankern konkrete Projekte und Realexperimente deren Kernprinzipien — allen voran Suffizienz (Halten des Verbrauchs auf einem nachhaltigen Maß), Subsistenz/Selbstversorgung, Entkommerzialisierung und Gemeingüter (Commons).
Hier sind prägnante Beispiele aus verschiedenen Handlungsfeldern:
1. Landwirtschaft & Ernährung: Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi)In der industriellen Landwirtschaft herrscht oft enormer Wachstums- und Preisdruck. Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft bricht diese Logik auf:
- Das Prinzip: Verbraucherinnen und Verbraucher finanzieren nicht die einzelne Karotte oder das Liter Milch, sondern die gesamten Betriebskosten eines Hofes für ein Jahr. Im Gegenzug erhalten sie wöchentlich ihren Anteil an der Ernte.
- Postwachstums-Bezug: Der Ertrag wird vom Marktpreis entkoppelt. Das Risiko von Missernten tragen alle gemeinsam. Der Hof muss nicht wachsen, um zu überleben, sondern wirtschaftet bedarfsorientiert und ökologisch nachhaltig.
Die Postwachstumsökonomie betont die Verlängerung der Lebensdauer von Produkten sowie das Nutzen statt Besitzen.
- Leihläden (z. B. Leila in Berlin): Anstatt dass jeder Haushalt eigene Bohrmaschinen, Zelte oder Rasenmäher kauft, werden Werkzeuge und Alltagsgegenstände in Gemeinschaftsdepots geteilt.
- Repair Cafés & Offene Werkstätten: Ehrenamtliche Reparaturtreffs und offene Holz-/Textilwerkstätten ermöglichen es Bürgerinnen und Bürgern, defekte Dinge selbst zu reparieren oder herzustellen.
- Postwachstums-Bezug: Reduktion von Ressourcenverbrauch und Müllberge (Suffizienz) durch Erhöhung der Nutzungsintensität bereits produzierter Güter.
Im Immobiliensektor führt Spekulation oft zu Verdichtung, Mietsteigerungen und ständigem Bau-Wachstum.
- Das Prinzip: Das Mietshäuser Syndikat ist ein deutschlandweites Netzwerk von über 180 selbstorganisierten Hausprojekten. Die Häuser gehören einer GmbH, deren Gesellschafter die Hausgemeinschaft und das Syndikat selbst sind. Ein Verkauf auf dem freien Markt wird durch ein Veto-Recht dauerhaft blockiert.
- Postwachstums-Bezug: Immobilien werden dem Spekulationsmarkt entzogen (Entkommerzialisierung). Wohnraum dient der reinen Bedarfsdeckung zu Selbstkosten statt der Kapitalakkumulation.
- Superblocks (z. B. Barcelona): Häuserblocks werden für den durchgehenden Autoverkehr gesperrt. Der frei werdende Straßenraum wird in Aufenthaltsflächen, Grünzonen und Nachbarschaftstreffs umgewandelt.
- Reallabore (z. B. Wohlstands-Transformation Wuppertal): Städte erproben im kleinen Maßstab, wie Lebensqualität abseits von Auto-Zentriertheit und Konsumverdichtung gesteigert werden kann.
- Postwachstums-Bezug: Rückbau von ressourcenintensiver Infrastruktur zugunsten von Gemeingütern, Lebensqualität und lokaler Mobilität.
Auch klassische Unternehmen erproben Ansätze, die den Wachstumszwang dämpfen:
- Stiftungseigentum / Verantwortungseigentum (z. B. Ecosia, Waschbörse): Gewinne können nicht privat entnommen oder an Spekulanten ausgeschüttet werden. Sie verbleiben im Unternehmen oder fließen in den Unternehmenszweck.
- Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ): Unternehmen (wie z. B. der Outdoor-Hersteller VAUDE oder die Taz) erstellen eine Gemeinwohl-Bilanz. Erfolgsmaßstab ist nicht nur der Reingewinn, sondern die Auswirkung auf Umwelt, Beschäftigte und Gesellschaft.
- Postwachstums-Bezug: Trennung von Kapitaleigentum und Stimmrecht sowie Absage an maximierte Renditeerwartungen.
Gemeinsamer Nenner aller Projekte: Sie messen Erfolg nicht an finanziellem Wachstum oder höherem Durchsatz von Waren, sondern an Stabilität, Resilienz, sozialer Bindung und ökologischer Tragfähigkeit.
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