Hartmut Rosa: Situation und Konstellation
In seinem Werk "Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums" (2025/2026) analysiert der Soziologe Hartmut Rosa eine fundamentale Krise menschlicher Handlungsfähigkeit in der Spätmoderne. Er beschreibt, wie wir uns zunehmend von aktiv Handelnden zu bloßen „Vollziehern“ von Systemvorgaben entwickeln.
Hier sind die zentralen Hauptaussagen zusammengefasst:
1. Die Unterscheidung: Situation vs. Konstellation
Rosa führt eine begriffliche Trennung ein, um zu erklären, warum wir uns heute oft ohnmächtig fühlen:
Situation: Ein Moment, in dem wir als Menschen mit unserer individuellen Urteilskraft gefragt sind. Wir nehmen die Welt wahr, bewerten eine konkrete Lage und entscheiden uns für eine Handlung, die einen Unterschied macht (z.B. ein Lehrer, der eine Note zur Ermutigung gibt).
Konstellation: Ein technisches oder bürokratisches Gefüge aus Regeln, Algorithmen und Formularen. Hier „reagieren“ wir nur noch auf vorgegebene Parameter. Die Entscheidung ist durch die Konstellation bereits präformiert (z.B. ein Algorithmus, der die Note festschreibt).
2. Der Übergang vom Handeln zum Vollziehen
Rosas Kernthese lautet: Wir handeln nicht mehr, wir vollziehen nur noch.
Anstatt die Welt aktiv zu gestalten, arbeiten wir Checklisten ab.
Beispiele: Die Ärztin blickt mehr auf den Bildschirm (Datenkonstellation) als auf den Patienten (menschliche Situation). Der Schiedsrichter vertraut dem Video-Assistenten (VAR) statt seinem eigenen Augenmaß.
Folge: Die menschliche Urteilskraft verkümmert, da sie kaum noch angewendet werden darf.
3. Der Verlust von Spielraum und Resonanz
Durch die totale Durchregelung und Digitalisierung schwindet der „Spielraum“ – jener Freiraum, in dem Resonanz entstehen kann.
Entfremdung: Wenn wir nur noch Regeln exekutieren, fühlen wir uns nicht mehr als wirksame Urheber unserer Taten. Das führt zu einem kollektiven Energieverlust und Frustration.
Aggression: Da die Welt uns nur noch als starre Wand aus Vorschriften und digitalen Masken begegnet, schlägt das Gefühl der Ohnmacht oft in Aggression gegen das System oder andere Menschen um.
4. Die Forderung nach einer "Revitalisierung der Urteilskraft"
Rosa plädiert dafür, die menschliche Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen zurückzugewinnen:
Wir müssen den Mut haben, Regeln zu biegen oder zu ignorieren, wenn die Situation es erfordert, um wieder „vernünftig miteinander umgehen“ zu können.
Ziel ist die Rückkehr zu einer situationssensiblen Praxis, die den Menschen wieder als Subjekt in den Mittelpunkt stellt.
„Wir können nicht vernünftig miteinander umgehen, wenn wir uns akribisch an alle Regeln halten.“ – Hartmut Rosa
Möchtest du, dass ich die Verbindung zwischen dieser neuen Theorie und seinem früheren Konzept der „Resonanz“ noch genauer erläutere?
In diesem Gespräch erläutert
Kommentare
Kommentar veröffentlichen