Gab es eine Kultur, wo alte Menschen auf Überlebensfähigkeit getestet wurden?
Ja, exakt diesen Brauch gibt es in der kulturhistorischen und anthropologischen Forschung – allerdings nicht als reale, historisch nachgewiesene Praxis, sondern als weit verbreiteten Mythos und Volkssage.
Das Phänomen, alte Menschen zu töten oder auszusetzen, nennt man in der Wissenschaft Senizid oder Gerontozid. Und die Geschichte mit dem Baumschütteln ist eine der faszinierendsten Legenden in diesem Bereich.
Der Mythos vom „Baumschütteln“
In verschiedenen europäischen und asiatischen Volkserzählungen (besonders prominent in alten Mythen aus England, Wales und Teilen Osteuropas) wird von einem grausamen Ritual berichtet:
Sobald die Älteren eines Stammes oder Dorfes ein bestimmtes Alter erreichten oder der Gemeinschaft zur Last fielen, mussten sie auf einen Baum klettern. Die jüngeren Dorfbewohner rüttelten und schüttelten daraufhin kräftig am Stamm.
Der Test: Wer sich fest genug halten konnte und oben blieb, bewies damit seine „Überlebensfähigkeit“ und durfte ein weiteres Jahr leben.
Das Todesurteil: Wer herunterstürzte, überlebte den Sturz meist nicht oder wurde danach dem Tod überlassen.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Anthropologen und Volkskundler haben intensiv untersucht, ob an dieser Geschichte etwas Wahres dran ist. Das Ergebnis: Es ist ein reines Märchen.
Es gibt keinerlei historische Belege, archäologische Funde oder glaubwürdige Augenzeugenberichte, dass irgendeine Kultur diesen spezifischen „Baum-Schüttel-Test“ tatsächlich durchgeführt hat. Stattdessen handelt es sich um eine Ätiologische Erzählung – eine Geschichte, die später erfunden wurde (oft nach der Christianisierung), um zu betonen, wie „barbarisch“ die Vorfahren angeblich waren und wie viel humaner die eigene, modernere Kultur im Vergleich dazu sei.
Reale Formen des Senizids
Auch wenn der Baum-Test erfunden ist: Das Töten oder Aussetzen von Alten in extremen Notzeiten gab es in der Menschheitsgeschichte leider wirklich. Allerdings sah das anders aus und war selten ein „Test“, sondern eine reine Verzweiflungstat im Kampf gegen Hungersnöte:
Inuit-Kulturen: In Phasen extremen Nahrungsmangels kam es in der Vergangenheit ganz vereinzelt vor, dass alte Menschen freiwillig auf dem Eis zurückblieben, um das Überleben ihrer Kinder und Enkel nicht durch zusätzlichen Nahrungsverbrauch zu gefährden.
Japan (Die Ubasute-Legende): Auch in Japan gibt es die berühmte Sage von Ubasute („die Alte aussetzen“), bei der gebrechliche Verwandte auf einen abgelegenen Berg getragen wurden, um dort zu sterben. Auch das ist historisch für die Allgemeinheit nicht belegt, spiegelt aber die kulturelle Angst vor Ressourcenknappheit wider.
Skandinavien (Ättestupa): In Schweden hielt sich lange der Mythos der „Familienklippe“, von der sich alte Menschen angeblich in den Tod stürzten. Auch hier zeigte die Forschung: Es handelt sich um einen Mythos aus späteren Sagas.
Fazit: Die Vorstellung, dass Alte sich durch das Festklammern an einem geschüttelten Baum ihr Recht auf Leben erkämpfen mussten, ist ein makabres, aber faszinierendes Motiv der Popkultur und Folklore. Es zeigt, wie Gesellschaften seit jeher die Angst vor dem Altern und dem Verfall metaphorisch verarbeitet haben.
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