Chinesische Entdeckungsfahrten
Wenn wir von den großen chinesischen Entdeckungsfahrten sprechen, landen wir mitten im frühen 15. Jahrhundert – einer Epoche, in der China die unangefochtene Supermacht der Weltmeere war.
Zwischen 1405 und 1433 schickte der Ming-Kaiser Yongle eine gigantische Flotte unter der Leitung des legendären Admirals Zheng He auf insgesamt sieben monumentale Reisen. Das Faszinierende daran: Diese Expeditionen stellten alles in den Schatten, was Europa Jahrzehnte später mit Kolumbus oder Magellan aufbot.
Die Schatzflotte: Ein schwimmendes Imperium
Zheng Hes Flotte war kein kleiner Erkundungstrupp, sondern eine schwimmende Großstadt. Bei der ersten Reise bestand sie aus rund 62 großen Schatzschiffen (Baochuan) und hunderten Begleitschiffen, besetzt mit fast 28.000 Mann (Soldaten, Ärzte, Astronomen, Übersetzer und Handwerker).
Zum Vergleich: Die Santa María von Kolumbus war rund 25 Meter lang. Die größten chinesischen Schatzschiffe maßen Berichten zufolge über 100 Meter, besaßen bis zu neun Masten und waren technologisch (mit wasserdichten Schotten und hochentwickelten Kompassen) ihrer Zeit weit voraus.
Die Routen: Bis an die Tore Afrikas
Zheng He navigierte die Flotte sicher durch das Südchinesische Meer und den Indischen Ozean. Die Reisen lassen sich geografisch in zwei Phasen unterteilen:
Die ersten drei Reisen (1405–1411): Sie führten primär nach Südostasien (Vietnam, Java, Malakka) und zu den großen Handelsplätzen Indiens (insbesondere Calicut, das damalige Zentrum des Gewürzhandels).
Die späteren vier Reisen (1413–1433): Die Flotte stieß weiter nach Westen vor. Sie erreichte den Persischen Golf (Hormus), das Rote Meer (Dschidda) und segelte die ostafrikanische Küste hinab bis ins heutige Somalia und Kenia (Mogadischu und Malindi).
Das Ziel: Machtprojektion statt Kolonialismus
Anders als die späteren europäischen Entdecker ging es China nicht darum, fremde Länder zu erobern, Kolonien zu gründen oder die Bevölkerung zu missionieren.
Das Prinzip Tributsystem: Das primäre Ziel war Machtprojektion. Der Kaiser wollte der bekannten Welt die Pracht und Stärke der Ming-Dynastie demonstrieren. Fremde Herrscher sollten China als das "Reich der Mitte" anerkennen und symbolische Tribute zahlen.
Im Gegenzug brachte Zheng He luxuriöse Geschenke wie Seide, Porzellan und Lackwaren. Die Schiffe kehrten mit Exoten nach Peking zurück – darunter Perlen, Edelsteine, Gewürze und afrikanische Tiere wie Löwen, Zebras und eine Giraffe, die am kaiserlichen Hof für eine Sensation sorgte, weil man sie für das Fabelwesen Qilin hielt.
Das plötzliche Ende: Warum China die Meere aufgab
So schnell wie Chinas Ära als maritime Supermacht begann, so abrupt endete sie auch. Nach Zheng Hes Tod (vermutlich 1433 auf der Heimreise) änderte sich die kaiserliche Politik radikal:
Die Kosten: Die Reisen verschlangen astronomische Summen und brachten – da sie rein auf Prestige und nicht auf wirtschaftliche Ausbeutung ausgelegt waren – kaum Profit.
Bedrohung aus dem Norden: Die Mongolen griffen erneut die Nordgrenzen an. Das Geld wurde dringend für den Ausbau der Chinesischen Mauer und das Heer benötigt.
Der Sieg der Konfuzianer: Am Hof setzten sich die konfuzianischen Gelehrten gegen die Eunuchen (zu denen Zheng He gehörte) durch. Sie predigten Isolationismus und sahen den Außenhandel als moralisch minderwertig an.
Die Folge: Der Bau von Hochseeschiffen wurde unter Todesstrafe gestellt, die Pläne Zheng Hes wurden weitgehend vernichtet oder in den Archiven vergraben. China zog sich fast vollständig in sich selbst zurück – genau zu dem Zeitpunkt, als Europa begann, seine Segel in Richtung Weltbeseilung zu setzen.
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