Günter Schwarz: „Das Jesus-Evangelium: Wiederherstellung des geistigen Eigentums Jesu“ Was sagt Schwarz über sein Vorgehen bei der Rückübersetzung?

 In seinem Werk „Das Jesus-Evangelium: Wiederherstellung des geistigen Eigentums Jesu“ beschreibt der Theologe und Aramaist Günther Schwarz ein akribisches und für die traditionelle Theologie radikales Vorgehen. Da die ältesten überlieferten Texte des Neuen Testaments auf Griechisch verfasst sind, Jesus aber im Alltag das galiläische Aramäisch sprach, setzt Schwarz genau an dieser Sprachbarriere an.

Sein jahrzehntelanges Vorgehen bei der Rückübersetzung lässt sich im Wesentlichen durch drei Kernprinzipien beschreiben:

1. Das Kriterium der aramäischen Poesie

Der wohl wichtigste methodische Hebel für Schwarz ist die poetische Form. Er argumentiert, dass im antiken Orient Lehren mündlich tradiert wurden. Um im Gedächtnis zu bleiben, mussten die Worte Jesu eine feste, rhythmische und poetische Struktur besessen haben (z. B. durch Parallelismen oder Reimformen).

  • Sein Vorgehen: Schwarz übersetzte die griechischen Bibeltexte Wort für Wort zurück ins jüdisch-palästinische Aramäisch. Eine Rückübersetzung galt für ihn erst dann als gelungen und authentisch, wenn der Text im Aramäischen eine makellose, hochpoetische Urgestalt annahm. Ergab die Rückübersetzung holprige Prosa, ging er davon aus, dass der griechische Text fehlerhaft war.

2. Korrektur von Übersetzungs- und Vokalisationsfehlern

Schwarz geht davon aus, dass beim ursprünglichen Transfer der Worte Jesu vom Aramäischen ins Griechische (durch die Evangelisten oder deren Quellen) zahlreiche Fehler passiert sind – teils aus mangelnder Sprachkenntnis, teils durch theologische Absichten.

  • Alternative Vokalisation: Da altsemitische Sprachen (wie Aramäisch) ursprünglich als reine Konsonantentexte geschrieben wurden, entscheidet die nachträgliche Vokalisation (das Einfügen von Vokalen) über die Bedeutung. Schwarz untersuchte die Konsonantenwurzeln der Worte neu.

    • Ein prominentes Beispiel: Die Taube bei Jesu Taufe. Schwarz argumentiert, dass eine bestimmte Vokalisation des aramäischen Wortes „Taube“ ergibt, eine andere Vokalisation desselben Konsonantenstammes jedoch das Wort „geradewegs“. Er schließt daraus, dass der Geist nicht wie eine Taube herabkam, sondern geradewegs auf Jesus zukam, und die Taube nur ein Übersetzungsfehler im Griechischen war.

  • Wiederherstellung durch Rückbautaktik: Er identifizierte „Verfälschungen“, die durch jahrhundertelange mündliche und schriftliche Überlieferungen entstanden seien – darunter nachträgliche Hinzufügungen, Streichungen oder Sinnverdrehungen (z. B. beim Abendmahl oder Teilen der Bergpredigt) – und strich diese heraus, um den „Urtext“ freizulegen.

3. Einbezug altsyrischer und außerbiblischer Quellen

Schwarz verließ sich nicht allein auf den griechischen Standardtext (wie den Textus Receptus oder das Novum Testamentum Graece). Er zog systematisch altsyrische Übersetzungen (die sprachlich dem Aramäischen sehr nahestehen) sowie außerbiblische Quellen (wie das Thomasevangelium oder Agrapha – Jesus-Worte, die nicht in den vier kanonischen Evangelien stehen) heran. Indem er diese Textzeugen nebeneinanderlegte und ins Aramäische rückübersetzte, versuchte er, die Schnittmenge der „echten“ jesuanischen Botschaft zu isolieren.

Das Fazit seines Vorgehens

Zusammenfassend verstand sich Günther Schwarz nicht als bloßer Übersetzer, sondern als archäologischer Sprachwissenschaftler. Durch das Sieb der aramäischen Poesie und der Konsonantenkritik wollte er die griechische „Übermalung“ abtragen, um das freizulegen, was er als das tatsächliche, unverfälschte „geistige Eigentum Jesu“ betrachtete. Seine Ergebnisse führten oft zu massiven inhaltlichen Abweichungen von der kirchlichen Dogmatik (z. B. dass Jesus sich selbst nie als Gott verstanden habe).

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