Agnes Sapper: Werden und Wachsen
Werden und Wachsen (erschienen 1910) ist der Fortsetzungsband zu Agnes Sappers wohl berühmtestem Werk Die Familie Pfäffling. Während der erste Teil den Fokus auf die Kindheit der sieben Geschwister und das turbulente, liebevolle Familienleben legt, begleitet dieses Buch das „Großwerden“ der Kinder.
1. Inhalt und Handlung
Der Roman schildert den Übergang der Pfäffling-Kinder vom Jugendalter in das Berufsleben und die Selbstständigkeit. Sapper führt die Leser durch die verschiedenen Lebenswege der Geschwister, die nun mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert sind:
Berufliche Ausbildung: Es geht um das Finden einer „tüchtigen“ Tätigkeit. Besonders modern für die damalige Zeit war Sappers Einstellung zur Ausbildung von Mädchen. Sie vertrat die Ansicht, dass auch junge Frauen eine solide Ausbildung brauchen, um unabhängig von einer späteren Heirat ein wertvolles Leben zu führen.
Charakterbildung: Wie der Titel schon sagt, liegt der Fokus auf dem inneren Wachstum. Die Protagonisten müssen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, Rückschläge zu verkraften und ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.
Einzelschicksale: Das Buch ist episodisch aufgebaut. Es werden Geschichten erzählt wie „Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde“ oder „Mutter und Tochter“, die jeweils eine spezifische moralische oder lebenspraktische Lektion enthalten.
2. Zentrale Themen und Werte
Agnes Sappers Werk ist stark geprägt von den bürgerlichen und christlichen Werten des frühen 20. Jahrhunderts:
Arbeitsethos: Arbeit wird als Quelle von Zufriedenheit und Selbstwertgefühl dargestellt.
Gehorsam und Liebe: Anders als die oft autoritäre Pädagogik der Kaiserzeit (der „Rohrstock“), plädierte Sapper für eine Erziehung durch Liebe und Einsicht.
Gottvertrauen: Eine unaufdringliche, aber stete religiöse Grundstimmung zieht sich durch die Erzählungen.
3. Literarische Einordnung
Stil: Sapper schreibt schlicht, klar und verzichtet auf komplexe psychologische Analysen. Das machte ihre Bücher besonders bei jungen Lesern und Familien extrem populär.
Bedeutung: Zusammen mit dem Vorband gehörte Werden und Wachsen jahrzehntelang zum Standardrepertoire deutscher Kinder- und Jugendliteratur. Es bietet heute einen faszinierenden (wenn auch idealisierten) Einblick in das bürgerliche Familienideal der Wilhelminischen Ära.
4. Ein Zitat als Leitmotiv
Ein bekannter Satz aus dem Buch illustriert Sappers damals fortschrittliche Sicht auf die Rolle der Frau:
„Wenn ein Mädchen (…) fest in seiner Arbeit steht mit dem Gedanken: kommt das Liebesglück, so ist’s gut, kommt es nicht, so ist mein Leben doch von Wert, so bleibt es fröhlich, geht sicher seinen Weg und wird dadurch nur liebenswerter.“
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