Geschichte der chinesischen Kaiserlichen Sammlung
Die Geschichte der chinesischen Kaiserlichen Sammlung ist eine faszinierende, jahrtausendealte Saga von unschätzbarem kulturellen Reichtum, politischer Machtsymbolik, dramatischen Verlusten und einer fast schon wunderbaren Rettung.
Über Dynastien hinweg galt: Wer die kaiserlichen Schätze besitzt, besitzt das Mandat des Himmels (die Legitimation zur Herrschaft).
Hier ist die Geschichte dieser außergewöhnlichen Sammlung im Überblick.
1. Die Ursprünge: Legitimation durch Kunst
Schon in der Antike sammelten Chinas Herrscher rituelle Bronzegefäße und kostbare Jade. Diese Gegenstände waren keine bloße Dekoration, sondern heilige Staatsinsignien.
Han-Dynastie (202 v. Chr. – 220 n. Chr.): Es entstanden die ersten institutionalisierten Bibliotheken und Archive. Kaiser sammelten systematisch historische Dokumente und Kalligrafien.
Tang- und Song-Dynastie (618 – 1279): Kunstsammeln wurde zur kaiserlichen Obsession. Besonders die Song-Kaiser waren selbst hochtalentierte Künstler. Kaiser Huizong (1082–1135) ließ den ersten umfassenden, illustrierten Katalog der kaiserlichen Sammlung erstellen. Er vernachlässigte darüber allerdings die Staatsgeschäfte, was zum Sturz seiner Dynastie beitrug.
2. Die Blütezeit: Ming und Qing (1368 – 1912)
Mit dem Bau der Verbotenen Stadt in Peking unter den Ming erhielt die Sammlung ein festes, monumentales Zuhause. Ihren absoluten Höhepunkt erreichte sie jedoch unter der mandschurischen Qing-Dynastie, insbesondere unter Kaiser Qianlong (1711–1799).
Der manische Sammler Qianlong:
Qianlong war wohl einer der größten Kunstsammler der Weltgeschichte. Er verleibte der Sammlung zehntausende Gemälde, Kalligrafien, Porzellane und Jadeschnitzereien ein. Legendär (und unter heutigen Denkmalschützern umstritten) war seine Angewohnheit, persönliche Gedichte und seine kaiserlichen Siegel direkt auf die jahrhundertealten Meisterwerke zu stempeln oder zu schreiben, um seinen Besitz zu markieren.
Unter Qianlong wurde auch das Siku Quanshu (Die vollständige Bibliothek der vier Schatzkammern) zusammengestellt – das größte enzyklopädische Buchprojekt der chinesischen Geschichte.
3. Das Jahrhundert der Demütigung und Verfall
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erlitt die Sammlung schwere Verluste durch innere Unruhen und westlichen Imperialismus:
1860 (Zweiter Opiumkrieg): Anglo-französische Truppen plünderten und zerstörten den Alten Sommerpalast (Yuanmingyuan) in Peking. Tausende unschätzbare Kunstschätze wurden nach Europa verschleppt.
1900 (Boxeraufstand): Erneute Plünderungen in Peking durch die Truppen der Vereinigten Acht Staaten.
1912 (Das Ende des Kaiserreichs): Nach der Xinhai-Revolution dankte der letzte Kaiser, Puyi, ab. Er blieb jedoch zunächst in der Verbotenen Stadt wohnen und schmuggelte jahrelang heimlich tausende der wertvollsten Meisterwerke aus dem Palast, um seinen luxuriösen Lebensstil zu finanzieren oder sie zu verpfänden.
4. Die Odyssee der Schätze (1933 – 1948)
Im Jahr 1925 wurde das Palastmuseum Peking gegründet, um die verbliebenen Schätze erstmals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch der Frieden währte nicht lange.
Als die japanische Armee 1931 in die Mandschurei einfiel und Peking bedrohte, traf die nationalistische Regierung (Kuomintang) unter Chiang Kai-shek eine radikale Entscheidung: Die Evakuierung der Sammlung.
Die Flucht: In fast 20.000 Holzkisten wurden die wertvollsten Stücke verpackt.
16 Jahre auf Achse: Per Zug, Boot und sogar auf den Rücken von Trägern wurden die Kisten quer durch China transportiert – immer auf der Flucht vor japanischen Bomben und den Wirren des späteren chinesischen Bürgerkriegs.
Das Wunder: Trotz der extremen Transportbedingungen, Feuchtigkeit und ständiger Gefahr ging durch Diebstahl oder Unfall nahezu kein einziges Stück verloren.
5. Die Spaltung: Peking und Taipeh
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flammte der chinesische Bürgerkrieg zwischen Nationalisten (Kuomintang) und Kommunisten (unter Mao Zedong) voll auf. Als sich die Niederlage der Nationalisten abzeichnete, befahl Chiang Kai-shek, die absolute Elite der kaiserlichen Kunstschätze nach Taiwan zu evakuieren.
Zwischen 1948 und 1949 wurden knapp 3.000 Kisten mit den allerbesten Stücken per Schiff nach Taiwan gebracht.
Das Ergebnis dieser historischen Spaltung prägt die Museumslandschaft bis heute:
| Museum | Standort | Charakter der Sammlung |
| Palastmuseum Peking (Verbotene Stadt) | Festlandchina | Besitzt die schiere Masse der Palastgegenstände (ca. 1,8 Millionen Objekte), darunter riesige Mengen an kaiserlichen Gewändern, Alltagsobjekten, Bronzen und Büchern. |
| Nationales Palastmuseum | Taipeh (Taiwan) | Besitzt die "Crème de la Crème" (ca. 700.000 Objekte) der kaiserlichen Kunst: die filigransten Jadeschnitzereien (wie der berühmte Jade-Kohl), die rarsten Porzellane (Ru-Ware) und die bedeutendsten historischen Kalligrafien. |
Fazit
Die kaiserliche Sammlung ist heute nicht mehr nur das Symbol für die Macht eines einzelnen Herrschers, sondern das geteilte kulturelle Gedächtnis Chinas. Die Tatsache, dass beide Museen – in Peking wie in Taipeh – denselben Namen ("Palastmuseum") tragen, zeigt, wie tief verwurzelt der Anspruch auf dieses gemeinsame kaiserliche Erbe auf beiden Seiten der Taiwanstraße ist.
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