Was waren die Reaktionen Feldmans Thesen in "Judenfetisch"?
Die Reaktionen auf Deborah Feldmans 2023 erschienenes Buch "Judenfetisch" waren ebenso intensiv wie gespalten. Während einige Kritiker das Werk als mutigen und notwendigen Debattenbeitrag zur jüdischen Identität in Deutschland lobten, warfen andere der Autorin Pauschalisierung, Arroganz und eine mangelnde Differenzierung vor.
Hier sind die zentralen Kritikpunkte und Reaktionen zusammengefasst:
1. Lob für den Debattenbeitrag
Einige Rezensenten sahen in dem Buch einen wertvollen Anstoß, um über die Erstarrung jüdischen Lebens in Deutschland nachzudenken.
Aufbruch aus dem "Erinnerungszwang": Gelobt wurde Feldmans Versuch, das Judentum nicht nur über den Holocaust oder den Israel-Konflikt zu definieren. Ihr Plädoyer für ein selbstbestimmtes, säkulares Judentum wurde als befreiend empfunden.
Radikale Ehrlichkeit: Ihre "erfrischend rabiate" Art (so etwa die tageszeitung) wurde als notwendiger Schock für eine Debatte gesehen, die oft von politischer Korrektheit und rituellen Floskeln geprägt ist.
2. Vorwurf der Pauschalisierung und Arroganz
Die schärfste Kritik entzündete sich an Feldmans Urteilen über andere jüdische Gruppen und Einzelpersonen.
"Echte" vs. "falsche" Juden: Kritiker (u.a. im Deutschlandfunk oder in der Welt) warfen ihr vor, sie würde anderen Juden – insbesondere Konvertiten oder Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion – das "echte" Jüdischsein absprechen. Dies wurde als ironisch empfunden, da sie gleichzeitig gegen Gruppenzwänge anschreibt.
Ad-personam-Attacken: Ihre Angriffe auf prominente Figuren wie Michel Friedman oder den Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, Philipp Peyman Engel, wurden oft als unsachlich und verletzend empfunden. In der Jüdischen Allgemeinen und im Cicero wurde ihr vorgeworfen, sie betreibe eine Form von "Rufmord" oder eine "Methode Feldman", die auf Ausgrenzung basiere.
3. Analyse des "Fetisch"-Begriffs
Feldmans These, dass Deutschland ein "fetischisiertes" Verhältnis zum Judentum habe, wurde kontrovers diskutiert:
Zustimmung: Viele sahen die Treffsicherheit darin, dass deutsche Philosemiten oft ein idealisiertes oder klischeehaftes Bild von "dem Juden" pflegen, das wenig mit der Realität zu tun hat.
Ablehnung: Andere empfanden den Begriff als zu holzschnittartig. Es wurde kritisiert, dass sie komplexe gesellschaftliche Prozesse auf eine psychologische Diagnose ("Fetisch") reduziere, ohne diese empirisch ausreichend zu untermauern.
4. Handwerkliche Kritik am Text
Auch die literarische Qualität und das Lektorat standen im Fokus:
Strukturlosigkeit: Mehrere Rezensionen bemängelten, das Buch sei eine "quirlige Collage" oder ein "wirres Wonderland", dem eine klare Dramaturgie und Stringenz fehle.
Sprachliche Mängel: Kritisiert wurden zudem schludrige Formulierungen und Ungenauigkeiten, die durch ein strengeres Lektorat hätten vermieden werden können.
Fazit: "Judenfetisch" hat Deborah Feldman endgültig als eine der streitbarsten Stimmen der jüdischen Gegenwartsliteratur etabliert. Während sie für die einen die "Heuchlerei" im deutsch-jüdischen Verhältnis entlarvt, sehen andere in ihr eine narzisstische Außenseiterin, die durch Provokation ihre eigene Marke stärkt.
Deborah Feldman: Antisemitismus als Mittel zum Zweck, FR 24.04.2026,
"[...] Für meinen Großvater war Judenhass letztlich etwas Alltägliches – nicht, weil er ihn verharmloste, sondern weil er ihn als eine von vielen Erscheinungsformen menschlicher Dummheit begriff. Und er hatte sich damit abgefunden – nicht ohne Humor und sogar mit einem gewissen Großmut –, dass die meisten Menschen dieser Dummheit zumindest zeitweise anheimfallen.
Er glaubte nicht, dass die Menschen in Amerika plötzlich von ihrem Antisemitismus geheilt worden seien, sondern vielmehr, dass sie eben zeitweise vor dieser Dummheit bewahrt worden waren – durch Wohlstand, durch den Stolz des Sieges, durch das tröstliche Narrativ, selbst dagegen gekämpft zu haben und sich darin gefallen zu können. [...] der Wunsch, dass Jüdinnen und Juden in der Diaspora unter Antisemitismus leiden sollten, damit sie zu ihrem angeblich einzig berechtigten Platz auf der Welt zurückkehren, beginnt bereits mit Herzls Schriften und zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des zionistischen Projekts. „Die Negation der Diaspora“, wie dieses Phänomen genannt wird, ist eine zentrale Säule dieser Ideologie. [...] Indem man den Antisemitismus gleichzeitig als größtes und mächtigstes Übel heraufbeschwor, während man ihm tatsächlich nur seine Sichtbarkeit nehmen wollte, gab man ihm – und seinen grollenden, verbitterten Anhängern – die Macht seines Mythos zurück. [...]"
Die Aussage "der Wunsch, dass Jüdinnen und Juden in der Diaspora unter Antisemitismus leiden sollten, damit sie zu ihrem angeblich einzig berechtigten Platz auf der Welt zurückkehren, beginnt bereits mit Herzls Schriften" belegt Feldman nicht. Das ist der Grund, dass ich die KI befragte. Allerdings habe ich die Formulierung "in der Diaspora" nicht genügend gewürdigt.
Ich stimme aber der folgenden Interpretation der KI zu: "Herzl war ein Realpolitiker. Er sah den Antisemitismus als unheilbare Krankheit Europas an. Statt gegen Windmühlen zu kämpfen, wollte er die destruktive Energie des Hasses nutzen, um sein Volk in Sicherheit zu bringen." Angesichts des Holocausts scheint mir das völlig gerechtfertigt. Dass er damit in - aus seiner Sicht - ferner Zukunft den Nahostkonflikt heraufbeschwören würde, konnte er nicht wissen, und zu Recht sah er die damals akutere Gefahr wichtiger als potenziell negative Folgen des Zionismus.
Dagegen stimme ich Feldmans Kritik insofern zu, als meines Erachtens die Politik der Netanjahu-Regierung die Kritik an dem Staat Israel und damit Antisemitismus befördert. Da - um die Kritik einzudämmen - in einer eigenwilligen Interpretation jede Kritik an der Politik dieses Staates als Antisemitismus interpretiert wird, halte ich für verhängnisvoll. Die unmittelbaren Leiden der iranischen und libanesischen Bevölkerung als Folgen dieser Politik abzuwenden, halte ich - weil akut - für vordringlich. Aber die Gefahr, dass dadurch ein weltweiter langfristiger Antisemitismus verstärkt wird, ist groß, und die Folgen könnten noch weit schwerwiegender sein.
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