Was hebt Packer in "Die Abwicklung" als die besondere Leistung von Alice Waters hervor ?
In George Packers Werk „Die Abwicklung“ (The Unwinding) wird Alice Waters als eine zentrale Figur des kulturellen Wandels in den USA porträtiert. Packer hebt dabei weniger eine rein gastronomische Leistung hervor, sondern vielmehr ihren Erfolg als kulturelle Visionärin.
Hier sind die entscheidenden Punkte, die Packer als ihre besondere Leistung herausstellt:
1. Die Neudefinition des Essens als politische Handlung
Waters’ größte Leistung war es laut Packer, Essen von einer bloßen Notwendigkeit oder einem industriellen Produkt in eine moralische und ästhetische Entscheidung zu verwandeln.
Sie schuf ein Bewusstsein dafür, dass die Wahl unserer Lebensmittel direkte Auswirkungen auf die Umwelt, die lokale Wirtschaft und die menschliche Würde hat.
2. Die „Gegenküche“ zur industriellen Abwicklung
Während Packer den Niedergang der amerikanischen Industrie und des sozialen Gefüges beschreibt, stellt er Waters’ Restaurant Chez Panisse als eine Art Gegenentwurf dar:
Lokalität statt Globalisierung: In einer Zeit, in der Amerika auf Fast Food und Tiefkühlkost setzte, bestand sie auf Frische, Saisonalität und den direkten Bezug vom Bauern.
Qualität als Widerstand: Ihr kompromissloser Fokus auf das „Echte“ war eine Reaktion auf die Künstlichkeit der modernen amerikanischen Lebenswelt.
3. Die Schaffung einer „Ess-Utopie“
Packer beschreibt, wie Waters es schaffte, eine ganze Glaubenswelt um den Esstisch zu bauen.
Sie verwandelte den Akt des Kochens und Essens in eine fast religiöse oder spirituelle Erfahrung.
Ihre Leistung bestand darin, eine Elite (und später eine breitere Schicht) davon zu überzeugen, dass „gut zu essen“ gleichbedeutend mit „gut zu leben“ ist.
4. Pädagogischer Idealismus
Besonders hervorgehoben wird ihr Projekt „The Edible Schoolyard“. Packer sieht darin ihre Bemühung, die „Abwicklung“ der Gesellschaft bereits bei den Kindern zu stoppen:
Durch den Gartenbau in Schulen wollte sie Kindern nicht nur Biologie beibringen, sondern sie wieder mit der Erde und handwerklicher Arbeit verbinden – Werte, die im modernen Amerika verloren gegangen waren.
Packers kritischer Unterton: Obwohl er ihre Vision bewundert, lässt Packer auch eine gewisse Ambivalenz durchblicken. Er beschreibt Waters’ Leistung auch als die Erschaffung einer exklusiven Blase. Während die Mittelschicht in Ohio oder North Carolina wegbricht (die „Abwicklung“), pflegt man in Berkeley unter Waters' Einfluss einen Lebensstil, der für viele Amerikaner unerschwinglich und fernab ihrer Realität bleibt.
Zusammenfassend sieht Packer in Alice Waters die Frau, die das „gute Leben“ in Amerika radikal neu definiert hat, indem sie die Ästhetik des Einfachen zur höchsten Tugend erhob.
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