Gibt es Anzeichen dafür, dass in Afrika der Weg zur "autogerechten" Stadt verlassen wird und es eher in Richtung Fußgängerzone und Verkehrsberuhigung geht?
Es gibt in der Tat spannende Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass einige afrikanische Metropolen das Ideal der „autogerechten Stadt“ (ein Konzept des 20. Jahrhunderts aus dem Globalen Norden) überspringen oder korrigieren.
Während viele Städte noch mit massivem Stau und dem Ausbau von Schnellstraßen kämpfen, entstehen parallel dazu zukunftsweisende Projekte für Fußgänger und den öffentlichen Nahverkehr.
Hier sind die wichtigsten Anzeichen für diesen Wandel:
1. Die Pionierrolle von Addis Abeba (Äthiopien)
Addis Abeba gilt oft als Vorreiter für eine neue urbane Mobilität in Afrika.
Fußgängerzonen: Die Stadt hat damit begonnen, zentrale Plätze und Straßen (wie rund um den Churchill Place) komplett umzugestalten, um mehr Raum für Fußgänger zu schaffen.
Schienengebundener Verkehr: Mit der ersten Stadtbahn (Light Rail) südlich der Sahara hat die Stadt ein klares Signal gegen den reinen Fokus auf den Individualverkehr gesetzt.
2. "Car-Free Days" als Bewusstseinswandel
In mehreren Städten werden regelmäßige „autofreie Tage“ genutzt, um den öffentlichen Raum zurückzugewinnen:
Kigali (Ruanda): Zweimal im Monat bleibt das Stadtzentrum für Autos gesperrt. Die Straßen werden für Breitensport, Spaziergänge und Märkte genutzt. Kigali gilt heute als eine der saubersten und fußgängerfreundlichsten Städte des Kontinents.
Nairobi (Kenia): Auch hier gibt es Initiativen für autofreie Zonen, und die Stadt investiert verstärkt in Non-Motorized Transport (NMT), also in Gehwege und Radwege entlang großer Verkehrsachsen.
3. Ausbau von Bus Rapid Transit (BRT) Systemen
Anstatt nur Autobahnen zu bauen, setzen viele Städte auf effiziente Bussysteme, die eigene Spuren nutzen und somit dem Auto den Platz streitig machen:
Dar es Salaam (Tansania): Das dortige BRT-System gilt als eines der effizientesten weltweit und reduziert die Notwendigkeit, ein eigenes Auto zu besitzen, massiv.
Lagos (Nigeria): Trotz des enormen Verkehrsaufkommens investiert die Megacity massiv in Blue Lines (Züge) und BRT-Korridore, um den Kollaps durch PKWs zu verhindern.
4. Urbanes Design und "Tactical Urbanism"
In Städten wie Kapstadt oder Johannesburg gibt es Bewegungen, die durch kleine Eingriffe (Sitzbänke, Pflanzen, breitere Bürgersteige) die Lebensqualität für Fußgänger erhöhen. In Südafrika wird verstärkt über „Transit-Oriented Development“ nachgedacht – also das Bauen von Wohnraum direkt an Haltestellen des Nahverkehrs, um den Pendelverkehr mit dem Auto zu minimieren.
Die Herausforderungen (Der Realitätscheck)
Man darf jedoch nicht ignorieren, dass der Trend zur Motorisierung in Afrika insgesamt noch steigt. Das Auto gilt in vielen Gesellschaften weiterhin als wichtiges Statussymbol.
| Faktor | Trend zum Auto | Trend zur Verkehrsberuhigung |
| Infrastruktur | Bau großer "Flyovers" und Autobahnen (oft durch China finanziert). | Ausbau von Gehwegen und Fahrradspuren in Pilotprojekten. |
| Statussymbol | Wachsende Mittelschicht möchte PKWs besitzen. | Junge urbane Generation fordert Lebensqualität und saubere Luft. |
| Stadtplanung | Zersiedelung der Außenbezirke erzwingt lange Wege. | "Compact City"-Modelle in neuen Stadtvierteln. |
Fazit
Der Weg zur „autogerechten Stadt“ wird in Afrika nicht überall verlassen, aber er wird massiv hinterfragt. Die Erkenntnis, dass mehr Straßen nur zu mehr Stau führen, setzt sich bei Stadtplanern in Addis Abeba, Kigali und Nairobi schneller durch, als es in Europa während der 1960er Jahre der Fall war. Man versucht hier, den Fehler der totalen Auto-Abhängigkeit zu vermeiden, bevor die Infrastruktur endgültig darauf zementiert ist.
Glaubst du, dass solche „autofreien Tage“ wie in Kigali auch in europäischen Großstädten noch konsequenter umgesetzt werden sollten, oder ist der kulturelle Widerstand hier zu groß?
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