Angela Davis und der Einsatz von Gefangenen als Arbeiter in der Industrie
Hinweis: Bis auf das Link auf das Video
Die US-amerikanische Aktivistin und Philosophin Angela Davis analysiert in ihrem Werk, insbesondere in „Are Prisons Obsolete?“ (2003), das Gefängnissystem als einen wesentlichen Bestandteil des sogenannten „Prison-Industrial Complex“ (Gefängnis-industrieller Komplex). Ihre Kritik an der Nutzung von Gefangenen als Arbeitskräfte ist dabei tief in einer historischen und antikapitalistischen Analyse verwurzelt.
Hier sind die zentralen Punkte ihrer Argumentation:
1. Kontinuität zur Sklaverei
Davis zieht eine direkte historische Linie von der Institution der Sklaverei zum modernen Strafvollzug. Sie argumentiert, dass das „Convict-Lease-System“ (ein System der Verpachtung von Sträflingen zur Zwangsarbeit), das sich nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im Süden der USA entwickelte, eine direkte Fortsetzung der Sklaverei war.
Funktion: Es diente dazu, die Kontrolle über ehemals versklavte Menschen zu behalten, indem man sie unter dem Vorwand von Straftaten erneut in ein System erzwungener Arbeit brachte, das für die Industrialisierung des Südens (z. B. im Bergbau oder beim Eisenbahnbau) genutzt wurde.
2. Der „Prison-Industrial Complex“
Davis verwendet diesen Begriff analog zum „militärisch-industriellen Komplex“, um die enge, strukturelle Verflechtung von wirtschaftlichen Interessen, politischen Institutionen und dem Strafvollzug zu beschreiben.
Kapitalverwertung: Gefängnisse sind für sie Orte, an denen Kapital durch billige oder unbezahlte Arbeitskraft generiert wird. Unternehmen profitieren von der Gefangenenarbeit, weil sie keine Sozialleistungen zahlen müssen, die Arbeitskräfte unter strenger Aufsicht stehen und die „Lohnkosten“ extrem niedrig sind.
Ökonomische Anreize: Sie zeigt auf, wie der Strafvollzug privatisiert wird (z. B. durch Konzerne wie die Corrections Corporation of America) [ausführlicher im englischsprachigen Artikel], was ein ökonomisches Interesse am Wachstum der Gefangenenbevölkerung schafft. Es entsteht ein System, das von Masseninhaftierung profitiert und diese strukturell begünstigt.
3. Rassismus und soziale Kontrolle
Davis betont, dass das System der Gefängnisarbeit nicht neutral ist.
Kriminalisierung: Die Kriminalisierung von Armut und die rassistische Selektion bei Verhaftungen führen dazu, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen (insbesondere People of Color) überproportional stark in diesen Arbeitsverhältnissen landen.
Unsichtbarkeit: Gefängnisse fungieren als soziale „Deponie“ für Probleme wie Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder psychische Erkrankungen, die der Staat nicht lösen möchte. Anstatt in soziale Infrastruktur zu investieren, werden diese Menschen in das System des „Prison-Industrial Complex“ verlagert, wo sie ökonomisch verwertet werden, anstatt gesellschaftlich integriert zu sein.
Fazit
Für Angela Davis ist der Einsatz von Gefangenen als Arbeiter in der Industrie kein isoliertes Problem, sondern ein symptomatisches Element eines Systems, das staatliche Gewalt, kapitalistische Profitinteressen und systemische Unterdrückung untrennbar miteinander verbindet. Eine Lösung kann aus ihrer Sicht nur durch die Überwindung des Gefängnissystems insgesamt (Abolitionismus) erreicht werden.
Um die Zusammenhänge zwischen historischer Zwangsarbeit und dem modernen Gefängnissystem besser zu verstehen, ist ein Blick auf die Ursprünge der Masseninhaftierung hilfreich:
Dieses Video bietet ein tiefgehendes Gespräch über Angela Davis' Analyse des Gefängnis-industriellen Komplexes und wie dieser historische Kontinuitäten zur Sklaverei und zur Ausbeutung von Arbeitskraft aufrechterhält.
sieh auch:
Bericht eines Journalisten, der über eine Bewerbung als Gefängnisaufseher Informationen über ein privates Gefängnis von CoreCivic Inc. gesammelt hat: https://www.motherjones.com/politics/2016/06/cca-private-prisons-corrections-corporation-inmates-investigation-bauer/
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