Leo Schestow : "Athen und Jerusalem"
Leo Schestow (1866–1938) war ein russisch-jüdischer Existenzphilosoph, dessen Denken oft als radikal, provokativ und zutiefst leidenschaftlich beschrieben wird. Sein Hauptwerk "Athen und Jerusalem" (geschrieben in den 1930er Jahren) markiert den Höhepunkt seines Kampfes gegen den Rationalismus.
Hier ist eine Zusammenfassung der zentralen Aussagen und Thesen dieses Werks:
1. Der fundamentale Gegensatz
Schestow nutzt die Städte Athen und Jerusalem als Symbole für zwei unvereinbare Arten, die Welt zu begreifen:
Athen (Die Vernunft): Steht für die griechische Philosophie (Sokrates, Platon, Aristoteles), die Logik, die Wissenschaft und das Vertrauen auf "ewige Wahrheiten" und notwendige Gesetze.
Jerusalem (Der Glaube): Steht für die biblische Offenbarung, die Propheten und den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – ein Gott, für den „alles möglich ist“ und der nicht an logische Regeln gebunden ist.
2. Die Kritik an der "Diktatur der Vernunft"
Schestows Hauptangriff richtet sich gegen die Überzeugung, dass die Vernunft der oberste Richter über die Wahrheit sei.
Die Tyrannei der Notwendigkeit: Schestow argumentiert, dass die Vernunft uns in ein Gefängnis aus "notwendigen Wahrheiten" sperrt (z. B. $2 + 2 = 4$ oder die Unumkehrbarkeit der Zeit).
Der Sündenfall als Wissensdrang: Er interpretiert den Sündenfall im Garten Eden neu. Der Mensch verlor die Freiheit, als er vom Baum der Erkenntnis aß und begann, "Gut und Böse" sowie "Wahr und Falsch" nach rationalen Kriterien zu trennen, anstatt im uneingeschränkten Vertrauen auf Gott zu leben.
3. Die Freiheit des Unmöglichen
Für Schestow ist der Glaube kein "Für-wahr-Halten" von Dogmen, sondern ein Kampf gegen die Selbstverständlichkeiten.
Gott steht über der Logik: Schestow vertritt die radikale Ansicht, dass Gott sogar das Geschehene ungeschehen machen kann. Während die Vernunft sagt: „Was passiert ist, ist vorbei“, sagt der Glaube: „Bei Gott ist nichts unmöglich.“
Existenzielle Angst: Wahre Philosophie beginnt für ihn nicht beim Staunen (wie bei Aristoteles), sondern bei der Verzweiflung und der Angst. Nur wenn der Mensch erkennt, dass die Vernunft ihm in den entscheidenden Fragen des Todes und des Leids nicht helfen kann, wendet er sich Jerusalem zu.
4. Kernzitate und Thesen im Überblick
| Thema | Aussage von Schestow |
| Wahrheit | Wahrheit ist nicht das, was bewiesen werden kann, sondern das, was dem Menschen Freiheit gibt. |
| Wissenschaft | Sie sucht nach allgemeinen Gesetzen und übersieht dabei das Einzigartige, das Individuelle und das Schicksal des Einzelnen. |
| Ethik | Die Unterordnung der Religion unter die Moral (wie bei Kant) ist eine Form der Versklavung. Gott steht jenseits von menschlichen Moralvorstellungen. |
Fazit
Schestow fordert den Leser auf, den Mut zum "Abgrund" zu haben. Er möchte die Philosophie von der Herrschaft der Mathematik und Logik befreien, um den Raum für das Wunder und die absolute Freiheit Gottes (und damit des Menschen) wiederzueröffnen. Er ist ein Vorläufer des christlichen Existenzialismus und beeinflusste Denker wie Albert Camus und Benjamin Fondane maßgeblich.
Fontanefan: Sieh auch: Dimitri Kirsanoff
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