Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“ Abschnitt Imperien und Nationalstaaten

1. Das 19. Jahrhundert als „Jahrhundert der Imperien“

Obwohl das 19. Jahrhundert oft als das Zeitalter des Nationalismus bezeichnet wird, betont Osterhammel, dass es faktisch das große Zeitalter der Imperien war. Imperien (wie das Britische Weltreich, das Russische Kaiserreich oder das Osmanische Reich) blieben die dominierenden politischen Organisationsformen und dehnten ihren Einfluss global massiv aus.

2. Keine strikte Gegensätzlichkeit

Osterhammel argumentiert, dass Nationalstaaten und Imperien keine Gegensätze sind, die sich gegenseitig ausschließen.

  • Hybride Formen: Viele Staaten waren beides zugleich. So war Großbritannien ein Nationalstaat in Europa, agierte aber global als Imperium.

  • Imperiale Nationalstaaten: Er beschreibt, wie Nationalstaaten (wie Frankreich oder später das Deutsche Kaiserreich) oft selbst imperiale Ambitionen entwickelten, um ihren Status zu untermauern.

3. Transformation statt Ablösung

Der Übergang vom Imperium zum Nationalstaat war kein linearer Weg.

  • Imperien begannen im 19. Jahrhundert, sich nach innen zu „nationalisieren“ (z. B. durch die Durchsetzung einer Einheitssprache oder zentraler Verwaltung), was oft zu Spannungen mit ethnischen Minderheiten führte.

  • Gleichzeitig nutzten Nationalstaaten imperiale Techniken der Herrschaftssicherung und Expansion.

4. Kriterien der Unterscheidung

Osterhammel arbeitet Unterschiede in der Herrschaftsstruktur heraus:

  • Imperien zeichnen sich durch Vielfalt, hierarchische Inklusion und oft unklare Grenzen aus. Sie tolerieren (oft notgedrungen) unterschiedliche Rechtssysteme und Kulturen unter einem gemeinsamen Herrschaftsdach.

  • Nationalstaaten streben nach Homogenität, Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz und einer klaren territorialen Abgrenzung.

5. Zusammenbruch und Erbe

Osterhammel zeigt auf, dass der Zerfall der großen multiethnischen Imperien (besonders nach dem Ersten Weltkrieg) oft gewaltsam verlief, da das Ideal des Nationalstaats („ein Volk, ein Staat“) in Gebieten mit komplexer ethnischer Mischung kaum friedlich umsetzbar war.

Zusammenfassend sieht Osterhammel das 19. Jahrhundert als eine Ära, in der das Modell des Nationalstaats zwar an ideologischer Kraft gewann, die politische Realität der Welt jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durch die Dynamik und Transformation von Imperien geprägt blieb.

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