Ist es sinnvoll die Entwicklung der USA von 1970-2000, wie Packer sie in „Die Abwicklung“ beschreibt, mit der Entwicklung der EU von 200-2025 zu
Das ist eine faszinierende und zugleich gewagte These. George Packers „Die Abwicklung“ (The Unwinding) beschreibt den schleichenden Verfall der US-amerikanischen Institutionen und den Bruch des sozialen Zusammenhalts.
Ein Vergleich mit der EU (2000–2025) ist durchaus sinnvoll, sofern man die strukturellen Unterschiede zwischen einem Nationalstaat und einem Staatenbund berücksichtigt. Hier ist eine Analyse der Parallelen und Kontraste:
1. Parallelen: Das Gefühl der „Abwicklung“
Packer argumentiert, dass die alten Sicherheiten (Industriejobs, stabiler Mittelstand, Vertrauen in die Elite) verloren gingen. Ähnliches lässt sich in der EU beobachten:
Erosion des Gesellschaftsvertrags: Während Packer den Niedergang der US-Stahlgürtel beschreibt, erleben wir in Europa die Deindustrialisierung und den Druck auf den Wohlfahrtsstaat durch Globalisierung und demografischen Wandel.
Vertrauensverlust in Institutionen: In den USA war es der Bruch mit Washington; in Europa ist es die wachsende Distanz zu „Brüssel“. Beide Entwicklungen werden von Bürgern oft als ein Kontrollverlust wahrgenommen.
Polarisierung: Die Spaltung der US-Gesellschaft ab den 70ern findet eine Entsprechung im Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in fast allen EU-Mitgliedstaaten seit den 2010er Jahren.
2. Die Rolle der Krisen
Packer setzt Schwerpunkte bei der Deregulierung und der Gier der Wall Street. Die EU durchlief von 2000 bis 2025 eine Kette von Belastungsproben, die strukturell ähnlich wirkten:
| Zeitraum | USA (Packer: 1970-2000) | EU (2000-2025) |
| Wirtschaft | Deindustrialisierung & "Greed is good" | Eurokrise & Austeritätspolitik |
| Geopolitik | Nachwirkungen von Vietnam / Kalter Krieg | Ukraine-Krieg & Ende der Friedensdividende |
| Soziales | Zerfall der Kleinstädte (Rust Belt) | Stadt-Land-Gefälle & Migrationsthematik |
3. Die Grenzen des Vergleichs
Trotz der atmosphärischen Ähnlichkeiten gibt es fundamentale Unterschiede, die man nicht ignorieren darf:
Die Basis der Macht: Die USA „wickelten“ eine bereits bestehende, starke nationale Identität ab. Die EU hingegen befindet sich in einem dauerhaften Prozess der Konstruktion, die nie abgeschlossen wurde. In der EU „wickelt“ sich also oft etwas ab, das noch gar nicht vollendet war.
Soziale Sicherung: Trotz aller Krisen verfügt die EU (über ihre Mitgliedstaaten) immer noch über deutlich robustere soziale Sicherungssysteme als die USA nach 1970. Der „Absturz“, den Packer beschreibt, ist in Europa durch das soziale Netz oft (noch) abgefedert.
Fazit: Ist der Vergleich sinnvoll?
Ja, vor allem unter dem Aspekt der „Desintegration“. Wenn man Packers Methode anwendet – also nicht nur auf Statistiken schaut, sondern auf die Lebensrealität der Menschen und den Verfall von Gemeinschaft – bietet der Vergleich wertvolle Warnsignale für Europa. Er zeigt, was passiert, wenn eine politische Elite den Kontakt zur Provinz und zur Arbeiterklasse verliert.
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