Wie schneidet die Wikipedia im Vergleich mit den großen Enzyklopädien des 20. Jahrhunderts ab?

Der Vergleich zwischen der Wikipedia und den traditionellen Giganten des 20. Jahrhunderts (wie der Encyclopædia Britannica oder dem Brockhaus) markiert den Übergang vom „Wissen der Experten“ zum „Wissen der Vielen“.

Während die Klassiker für Autorität und Beständigkeit stehen, punktet Wikipedia mit Aktualität und einer schier unendlichen Breite. Hier ist ein detaillierter Vergleich der beiden Konzepte:

1. Umfang und Relevanz: „Alles“ vs. „Das Wichtigste“

Ein markanter Unterschied liegt im Verständnis dessen, was „wissenswert“ ist.

  • Traditionelle Enzyklopädien: Mussten aufgrund physischer Grenzen (Druckkosten, Regalplatz) selektieren. Ein Brockhaus in 30 Bänden umfasst etwa 300.000 Stichwörter.

  • Wikipedia: Hat keine Platzprobleme. Die deutsche Version allein umfasst über 2,9 Millionen Artikel, die englische mehr als 6,9 Millionen. Wikipedia erfasst auch Popkultur, Nischenthemen und technische Details, die im 20. Jahrhundert als „nicht enzyklopädisch“ aussortiert worden wären.

2. Genauigkeit und Qualität

Lange Zeit galt Wikipedia als unzuverlässig, doch wissenschaftliche Studien haben dieses Bild revidiert.

  • Die Nature-Studie (2005): Das Fachjournal Nature verglich 42 wissenschaftliche Artikel der Wikipedia mit der Britannica. Das Ergebnis: Wikipedia war fast ebenso genau. In Wikipedia fanden sich im Schnitt 4 Fehler pro Artikel, in der Britannica 3.

  • Qualitätssicherung: In klassischen Werken bürgten namhafte Professoren und Redakteure mit ihrem Namen. In Wikipedia erfolgt die Kontrolle durch die „Weisheit der Vielen“ (Peer Review durch die Community). Fehler werden oft innerhalb von Minuten korrigiert – ein Prozess, der bei Printwerken Jahre (bis zur nächsten Auflage) dauerte.

3. Aktualität vs. Statik

Dies ist der wohl größte Vorteil der digitalen Form:

  • 20. Jahrhundert: Ein Lexikon war in dem Moment veraltet, in dem es die Druckpresse verließ. Politische Umstürze oder neue wissenschaftliche Entdeckungen mussten mühsam in „Ergänzungsbänden“ nachgereicht werden.

  • Wikipedia: News-Ereignisse erscheinen oft innerhalb von Sekunden. Biografien werden in Echtzeit aktualisiert.

4. Die Struktur des Wissens

MerkmalTraditionelle EnzyklopädieWikipedia
AutorenschaftElitär (ausgewählte Fachleute)Egalitär (jeder kann beitragen)
SpracheOft akademisch, präzise„Patchwork-Stil“, oft simpel
KostenSehr teuer (Anschaffungspreis)Kostenlos (werbefrei durch Spenden)
NavigationAlphabetisch, QuerverweiseHyperlinks, Volltextsuche
Haltung„Ex cathedra“ (Autorität)Kritische Skepsis (Quellenpflicht)

5. Kritikpunkte und Schwächen

Trotz ihres Erfolgs hat Wikipedia spezifische Nachteile gegenüber den alten Werken:

  • Tiefe und „Kolorit“: Kritiker bemängeln, dass Wikipedia-Artikel oft wie ein „Flickenteppich“ aus Fakten wirken, denen die erzählerische Tiefe und der intellektuelle Weitblick eines einzelnen Experten-Autors fehlen.

  • Systematische Verzerrung: Da die Autorenschaft überwiegend männlich, westlich und technikaffin ist, sind Themen aus dem globalen Süden oder Frauenthemen oft unterrepräsentiert.

  • Vandalismus: Die Offenheit macht das System anfällig für bewusste Manipulationen (z. B. durch PR-Agenturen oder politische Gruppen).

Fazit

Die Wikipedia hat die großen Enzyklopädien des 20. Jahrhunderts als alltägliches Nachschlagewerk fast vollständig verdrängt (der gedruckte Brockhaus wurde 2014 eingestellt). Während die Klassiker als geschlossene, verlässliche Wissenskörper fungierten, ist Wikipedia ein dynamischer, niemals fertiger Prozess. Sie ist heute weniger ein „Ersatz“ für Expertenwissen, sondern eher das wichtigste Portal, um den Einstieg in ein Thema zu finden.

Soll ich für dich prüfen, wie sich ein bestimmtes Thema (z. B. Quantenphysik oder eine historische Figur) qualitativ zwischen Wikipedia und einer alten Enzyklopädie unterscheidet?

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