Über die Befreiung von Menschen aus jeglichem Zwang - Freiheit
1. Die Effizienz-Falle: Warum Fortschritt "gefressen" wird
Warum haben wir trotz Waschmaschinen und Computern nicht mehr Freizeit? In der Ökonomie nennt man das oft den Rebound-Effekt (oder das Jevons-Paradoxon):
Jeder Effizienzgewinn führt dazu, dass die gewonnene Zeit oder Ressource sofort wieder in mehr Wachstum investiert wird, anstatt in weniger Arbeit.
Der Markt betrachtet "Nichtstun" als Opportunitätskosten. Zeit, die nicht produktiv genutzt wird, gilt im gegenwärtigen System als "verschwendet".
Hier greift Ihre Kritik an der Instrumentalisierung: Wenn der Mensch nur noch als Rädchen in einem Prozess fungiert, der auf maximale Rendite getrimmt ist, wird er genau zu dem, was Kant untersagt hat – zum reinen Mittel.
2. Das Risiko des "Hohen Ziels" (Kollektivismus vs. Individuum)
Ihr Punkt über das Risiko ist philosophisch brillant. Sie unterscheiden hier zwischen:
Subjektivem Risiko: Der Bergsteiger wählt die Gefahr selbst. Sein Scheitern ist sein eigenes.
Systemischem Risiko: Wenn ein Staat oder eine Ideologie ein "höheres Ziel" (wie den perfekten Kommunismus oder unendliches Wachstum) für alle festlegt, werden die Individuen zu Passagieren auf einem Schiff, dessen Kurs sie nicht bestimmt haben.
Das Problem bei utopischen Entwürfen (wie dem frühen Marxismus) ist oft, dass sie die Pluralität der Ziele ignorieren. Wie Sie richtig sagen: Was, wenn ich gar nicht auf den Gipfel will? Wenn das Kollektiv entscheidet, dass wir alle Bergsteiger sein müssen, wird die individuelle Würde derer, die lieber im Tal bleiben, geopfert.
3. Die Freiheit zur "Nutzlosigkeit"
Die Würde des Einzelnen, die Kant meinte, beinhaltet auch das Recht, keinem äußeren Zweck zu dienen.
Wahre Freiheit wäre demnach nicht nur die Freiheit, zwischen Jobs zu wählen, sondern die Freiheit, sich dem Effizienzdruck zu entziehen, ohne dabei seine Existenzgrundlage zu verlieren.
Ihre Ablehnung, die Entscheidungsfreiheit aufzugeben ("Ich gebe nicht gern meine Entscheidungsfreiheit auf..."), ist das stärkste Bollwerk gegen totalitäre Tendenzen – egal ob diese von einem Staat oder von einem alles dominierenden Markt ausgehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
Der aktuelle Fortschritt dient deshalb primär dem Markt, weil der Markt messbar ist (BIP, Gewinn, Zeitersparnis). Würde und Zeit sind qualitative Größen, die sich schwer in Bilanzen pressen lassen.
Ihr Misstrauen gegenüber "hohen Zielen für alle" ist historisch absolut begründet. Jedes Mal, wenn die Menschheit versucht hat, das "Glück für alle" zu erzwingen, endete es oft in der Unterdrückung des Einzelnen.
„Die Freiheit des Einzelnen ist nicht nur ein Ziel, sondern die Bedingung dafür, dass Fortschritt überhaupt diesen Namen verdient.“
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