Lea Ypi : Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme

 Antwort der KI:

In ihrem Buch „Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme“ (erschienen 2025) knüpft die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi an ihren Bestseller „Frei“ an. Während sie in „Frei“ ihre eigene Kindheit am Ende des Sozialismus thematisierte, fungiert dieses Werk als eine Art Prequel, in dem sie die Lebensgeschichte ihrer Großmutter Leman (genannt „Nini“) rekonstruiert.

Hier ist eine Zusammenfassung der zentralen Inhalte:

1. Der Auslöser: Ein rätselhaftes Foto

Der Ausgangspunkt ist die Entdeckung eines Fotos im Internet: Es zeigt ihre Großeltern im Jahr 1941 beim Après-Ski im italienischen Cortina d’Ampezzo – eine Szene von scheinbarer Unbeschwertheit, während in Europa der Zweite Weltkrieg tobte. Dies wirft Fragen nach der Herkunft, der Privilegierung und den Geheimnissen ihrer Familie auf, die Lea Ypi zu einer weltweiten Recherche in Archiven (Albanien, Griechenland, Italien, Frankreich) treibt.

2. Biografie zwischen den Welten

Ypi zeichnet den Weg ihrer Großmutter nach, der sinnbildlich für die Brüche des 20. Jahrhunderts steht:

  • Herkunft: Geboren 1918 in Saloniki (Thessaloniki) als Enkelin eines Paschas, entstammte Leman der untergehenden osmanischen Aristokratie.

  • Aufbruch: Als junge Frau verlässt sie Griechenland eigenständig und zieht nach Tirana, Albanien.

  • Ehe und Verfolgung: Sie heiratet Asllan Ypi, einen demokratischen Sozialisten und Spross einer Elitefamilie. Mit dem Aufstieg der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha gerät die Familie in die Mühlen des Totalitarismus. Asllan wird inhaftiert (metaphorisch als „Besuch der Universität“ umschrieben), und Leman muss als Zwangsarbeiterin in der Landwirtschaft ums Überleben kämpfen.

3. Zentrale Themen und Motive

Das Buch ist mehr als eine reine Biografie; es ist ein philosophischer Essay über das Menschsein unter Druck:

  • Würde: Die zentrale Frage lautet, wie man „aufrecht“ bleibt und seine moralische Integrität bewahrt, wenn ein System versucht, einen zu brechen oder zur Kollaboration zu zwingen.

  • Wahrheit und Identität: Ypi stößt auf Widersprüche in den Geheimdienstakten (z. B. Gerüchte über Spionage oder Kollaboration). Sie thematisiert, wie Geschichte konstruiert wird und wem die Deutungshoheit über ein Leben gehört.

  • Die Rolle der Frau: Das Buch beleuchtet gezielt die weibliche Perspektive in einer Welt, die oft von Männern und ihren politischen Ideologien dominiert wurde.

4. Stil und Einordnung

Das Werk wird als Mischung aus Memoir, Familiensaga und historisch-politischem Essay beschrieben. Ypi nutzt ihre philosophische Ausbildung, um individuelle Schicksale mit den großen „Ismen“ des 20. Jahrhunderts (Faschismus, Kommunismus, Liberalismus) zu verknüpfen. Der Untertitel bezieht sich dabei bewusst auf den Historiker Eric Hobsbawm und dessen Werk über das „kurze 20. Jahrhundert“.

Ausschnitt aus einem Interview mit Ypi in der Frankfurter Rundschau vom 17.1.2025:

"In ihrer frühen Kindheit erlebte sie den Kollaps des Osmanischen Reiches. Und später stellte sich die Frage, welche Aufgaben die nächste Generation aus dieser Erfahrung mitnimmt. Auch das ist eine kantische Idee: den Menschen über das Individuum hinaus zu denken, über Generationen hinweg. Nicht als isoliertes Leben, das endet, sondern als Glied einer Kette, die weiterführt.

Glauben Sie, dass es so etwas tatsächlich gibt? In der Psychologie gibt es ja die Vorstellung transgenerationaler Muster.

Ja, ich denke, es gibt ein Menschenbild, das diese Verbindung zulässt. Daneben existiert aber ein neoliberales Menschenbild, nach dem alles individuell ist: Der Einzelne verfolgt seine Motive, seine Anreize, und die Gesellschaft organisiert sich darum herum. Da spielen Rationalität und moralische Handlungsfähigkeit kaum eine Rolle. Mein bevorzugtes Menschenbild ist das andere, weil es dem Leben nach dem Tod mehr Bedeutung verleiht: Welche Spur hinterlässt man? Wie trägt sie zu Bildung bei? Wie verbindet sie sich mit kommenden Generationen? Das macht das Menschsein sinnvoller. Das neoliberale Modell führt für mich eher zum Nihilismus, weil dort mit dem Individuum alles beginnt und endet. Das aufklärerische, kantische Modell geht darüber hinaus – es denkt den Menschen als Kategorie, nicht nur den Einzelnen.

Im Buch sind Sie dann zu einer Art Archäologin geworden. Sie haben in Archiven recherchiert und das Leben Ihrer Großmutter rekonstruiert – und dabei gemerkt, wie wenig man tatsächlich erfahren kann.

Ja. Ich ging in die Archive mit dem naiven Glauben, den viele teilen: dass die historische Wahrheit im Archiv liegt. Als könnte man dort „zum Grund der Wahrheit“ vordringen. Aber beim Rekonstruieren ihres Lebens habe ich gemerkt, dass das Archiv ebenfalls eine Machtinstanz ist. Die Wahrheit, die es liefert, ist die Wahrheit der Machtstruktur, die das Archiv stabilisiert. Es gibt immer eine Perspektive, die die Fakten ordnet, präsentiert – und andere Fakten oder Stimmen ausschließt. Wenn man das einmal begriffen hat, stellt sich die Frage: Welche Rolle hat der Historiker? Wie kann man sich der Machtstruktur widersetzen, die Geschichte formt?" [...]

Die Nation ist ein künstliches Konstrukt. Im 19. Jahrhundert war sie künstlich, aber progressiv – sie war notwendig, um das Imperium herauszufordern und Menschen Zugehörigkeit zu geben, die im imperialen Gefüge sonst keinen Platz hatten. Damals war die Nation eine progressive Kategorie, weil sie gegen das Ancien Régime kämpfte.

Unser Problem ist, dass der Nationalstaat heute selbst zur exklusiven Kategorie geworden ist. Er hat sich von einem progressiven Instrument der Befreiung zu einem regressiven Instrument der Ausgrenzung verwandelt. Er wird nicht mehr genutzt, um Räume zu öffnen, sondern um Grenzen zu ziehen und diejenigen auszuschließen, denen man das „Dazugehören“ abspricht. Die Kategorie bleibt künstlich – aber ihre Funktion hat sich gedreht. [...]

[Es geht um]  ein Scheitern einer progressiven Kritik des Kapitalismus. Viele osteuropäische Bürger waren aus guten Gründen vom Staatssozialismus desillusioniert. Sie hatten jahrzehntelang ein vertikales, hierarchisches Machtgefüge erlebt, die Partei, den Staat, die Stasi, das Überwachungssystem. Und dann erlebten sie im Kapitalismus eine andere Form der Unterdrückung: die des Marktes, der Ungleichheit, die im Namen des freien Marktes gerechtfertigt wurde, der Globalisierung, die nur für wenige funktionierte, die Finanzkrise, die für Verarmung sorgte. [...]  Der Staatssozialismus hatte – bei allen historischen Verfehlungen und Repressionen – einen universalistischen Anspruch. Er wollte für alle sprechen, er verstand seine eigene Geschichtserzählung als Befreiungsgeschichte. Die autoritären Kräfte der Gegenwart hingegen definieren sich über Abgrenzung: über nationale Identität, ethnische Homogenität, den Ausschluss von Fremden. Das ist ein ganz anderer Modus von Autoritarismus. [...] Gleichzeitig hat der Neoliberalismus der 1990er- und 2000er-Jahre der Linken eingebläut, dass große Projekte tot seien und dass es nur noch um individuelle Rechte, Identität und Anerkennung gehe. [...] Die Aufklärung hat eine kritische Dimension – gegen Autoritarismus, Dogmatismus und, wie ich hinzufügen würde, gegen den Kapitalismus –, aber auch eine konstruktive: einen auf die Zukunft gerichteten Horizont, der verspricht, dass Vernunft eine Form der Verbindung zwischen Menschen schafft."

Fragen:
Ist die Lehre vom Individuum mit seinen Rechten zu ersetzen durch eine Lehre der Pflichten des Einzelnen in eine größeren Gemeinschaft: einer Kette von Generationen, eines Kollektivs innerhalb einer Gesellschaft (Arbeiterbrigade, Produktionsgenossenschaft, Nation)? 

Oder sollte es die universalistische Forderung nach einer Würde aller Menschen und die Garantie ihrer Freiheit, die die Freiheit aller anderen respektiert?

Welches Projekt kann Hoffnung verleihen, die nicht auf Abgrenzung beruht?





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